Zwei Aufsätze: „Theorien des deutschen Faschismus“ von Walter Benjamin in Kritiken und Rezensionen 1912-1931, Kapitel 97 (https://gutenberg.spiegel.de/buch/kritiken-und-rezensionen-1912-1931-2981/97) und „Brecht und Benjamin als Kafka-Interpreten“ von Stéphane Moses (Juden in der deutschen Literatur, hrsg. von Stéphane Moses und Albrecht Schöne, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 1986)

Vorbemerkung

Am 26. September 1940 stirbt Walter Benjamin auf der Flucht vor denjenigen, die identifiziert waren mit der Barbarei und dem Terror der nationalsozialistischen Diktatur in Europa, im katalanischen Port Bou, im franco-faschistischen Nord-Spanien. Es bleibt unklar, ob es Selbstmord oder Mord war. Am selben Tag wird meine Mutter im westpreußischen Landsberg an der Warthe, dem heutigen Gorzow Wielkopolski geboren. Bei einem meiner vergangenen Besuche bei meinen Eltern erzählt mein Vater mir beiläufig, er habe meine Mutter in der Nacht wieder schreiend aus einem Albtraum wecken müssen. 79 Jahre nach dem Tod Walter Benjamins wirft der Faschismus seinen langen Schatten bis in die Gegenwart. Die Kinder von damals finden sich als Alte im längst vergangen gedachten Trauma wieder.

Die Schrecken des Krieges sind unmittelbar verbunden mit der Zeit des Nationalsozialismus. In seinem Aufsatz „Theorien des Faschismus“ folgt Benjamin der Spur der deutschen Geschichte zurück bis zu den Opfern des 1. Weltkrieges. Ganz in der Tradition der kritischen Theorie und ihrer Analyse der Moderne, nimmt er Bezug auf den technischen Fortschritt, der nur die Form der Steigerung kennt und diagnostiziert die „Diskrepanz zwischen den riesenhaften Mitteln der Technik auf der einen, ihrer winzigen moralischen Erhellung auf der anderen Seite“.

Die „Ideologie des Krieges“ mit ihren „Vernichtungsrekorden“ folgt „Maßstäben männlichen Denkens“. Der Begriff Ideologie weist daraufhin, das Erkenntnisinteresse offenzulegen und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen. Zu Grunde geht „alles Nüchterne, Unbescholtene, Naive, was über die Verbesserung des Zusammenlebens der Menschen erdacht wird“. 

Nationalismus, Imperialismus, Krieg, Faschismus – so führt die Spur zurück aus dem Jahr 1934, in dem Walter Benjamin Bert Brecht im dänischen Exil in Svendborg trifft, bis zum Beginn der bürgerlichen Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Benjamin und Brecht sprechen aus dem Exil, genauer: Sie sprechen mit der in ihre Körper eingeschriebenen Erfahrung von Bedrohung, Vertreibung und Flucht. Sie sprechen aus einer Position des Ausgeschlossenen und des De-plazierten, aus einer prekären Situation.

Und wenn sie über Kafkas „Das nächste Dorf“ sprechen – und für diese genaue Analyse ist Stéphane Moses nicht genug zu danken -, so sprechen sie mit unterschiedlichem Blick, der die beiden trennt und der eine jeweils ganz und gar andere Politik des Poetischen und des Geschichtsphilosophischen begründet. 

Exil ist nicht Exit – wie also genau ist der Notausgang beschaffen, der aus Entfremdung und Vernichtung führt und den Faschismus überwindet? Kafkas Erzählung „Das nächste Dorf“ lässt sich transgenrational und normativ lesen, sie reformuliert den Begriff der Distanz an den Grenzen der Unterscheidungen zwischen Raum und Zeit, zwischen Geschichte und Imagination – je nachdem, aus welcher Perspektive Leser*innen wahrnehmen, erscheint mal die eine, mal die andere als erste; und beide sind not-wendig, um zu verstehen, woraufhin Benjamin argumentiert: Was ist eine Zeit-spanne? 

Kafka hält in seiner Erzählung einen Raum, in dem das Erreichen des Ziels Fiktion bleibt. In diesem Punkt treffen sich Kafka und Benjamin in der Kritik der fortschreitenden Bewegung, des Fortschritts – wir erinnern uns hier an den Anteil des technischen Fortschritts an Krieg und Faschismus. Kafka und Benjamin werden zu Anwälten des Diskontinuierlichen. Mehr noch: Benjamin kann daraus das Verhältnis von Geschichtlichkeit, Widerstand und Kapitulation neu bestimmen. Kapitulation deswegen, weil der Mensch „auf dem Weg der Geschichte (…) dazu verurteilt (sei), Gefangener des jeweiligen Augenblicks zu bleiben; nie könne er das Ziel erreichen“. (Moses, S. 246) 

Schärfer kann der Kontrast zu Brecht nicht formuliert sein. Benjamins „messianisches“, ich möchte sagen „Exit-, Denken folgt einem anderen Muster, es ist ein Lob der Erinnerung, das das Leben rückwärts liest: „(…) der Idee der homogenen Zeit, die sich auf die Vorstellung des endlosen Fortschritts gründet, in Wirklichkeit aber nur zu einer unablässigen Wiederholung des Immergleichen führt, der Gedanke einer ‚Jetztzeit‘ gegenüber, wo die Gegenwart mit der Vergangenheit in Resonanz tritt und diese zu neuem Leben aufruft“. (S. 249) 

Was zum Ziel bringt, so Moses in der Folge von Kafka und Benjamin, ist nicht aktives, vorwärtsgerichtetes Leben. Es geht um etwas anderes, um „Zukunft als eine Dimension der Erinnerung“ (ebd.). Erst die befreiende Rückwendung zur Vergangenheit, so Benjamin, ermöglicht die Erlösung von mythischen Vorstellungen und inneren Dämomen. Es geht ihm um Um-kehr – und hieraus erwächst, anders als bei Brecht, die politische, aufklärerische Sprengkraft.

Nachbemerkung

Der Autor dieses Textes arbeitet als Pädagoge und systemischer (Familien-)Therapeut. Ihm sind die Ansätze der lösungsorientierten Kurzzeittherapie nach DeShazer und Berg vertraut. Sein Unbehagen, mit Klient*innen auf einer Timeline des Fortschritts zu arbeiten, findet bei Benjamin Resonanz.

Wie denn genau ließe sich das spezifisch Systemische reformulieren unter dem Anspruch einer Zukunft, die bei einer Umkehr ihren Ausgangspunkt nimmt? Stéphane Moses beschreibt Benjamin als einen Experten für verborgene Beziehungen, als jemanden, der Konfigurationen und Konstellationen in eine kritische Metasprache überführt. Darin kommt ihm das systemisches Denken gleich, das auf einer zweiten Beobachtungsebene Ausgeschlossenes sichtbar macht. „Selig der Reiter, der der Vergangenheit auf leerer, fröhlicher Reise entgegenbraust und seinem Renner keine Last mehr ist.“ (Benjamin, zit. n. Moses S. 253) – das könnte für therapeutisches Arbeiten ein neuer Anfang werden.

Tagged with →