Rezension zu:
Josef Christian Aigner (Hg.): Der andere Mann. Ein alternativer Blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern heute. Gießen [Psychosozial-Verlag] 2016, 254 Seiten, ISBN 978-3-8379-2620-0, 24,90 €

Im Psychosozial-Verlag liegt ein Sammelband vor, der zwölf Aufsätze von 13 Autoren umfasst. Herausgeber ist Josef Christian Aigner, 1953 geboren und seit 2005 Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik an der Universität Innsbruck, sowie Leiter des Instituts für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung. Er ist Psychologe, Psychoanalytiker und Psychotherapeut für Sexual- und Paartherapie. Der jüngste Autor, Gerald Poscheschnik ist 1978 geboren, Psychologe und arbeitet am selben Institut der Universität Innsbruck. Die beiden ältesteten Autoren, Peter Stöger und Eduard Waidhofer sind 1947 geboren, der eine lehrt seit 1985 Erziehungswissenschaften an der Universität Insbruck und seit 2011 in der Ausbildung für das Lehramt Islamische Religion, der andere ist Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, Männerberater, Supervisor und Trainer. Damit bilden diese drei Autoren das gesamte Spektrum des Buches im Sinne eines wechselseitigen Theorie-Praxis-Bezuges ab. Die Fragen, die sich die Autoren stellen, drehen sich darum, was Männlichkeit heute bedeutet: „Wie kann eine konstruktive Männerpolitiik heute aussehen? Mit welchen aktuellen Umbrüchen und Schwierigkeiten haben Männer zu kämpfen?“ (Cover-Text) Ganz dem Anspruch der Emanzipationsbewegungen der Moderne verpflichtet, verknüpfen die Autoren ihre Arbeit also mit einem Anspruch von öffentlichem Handeln, mit gesellschaftspolitischen Forderungen.

Die hier versammelten Aufsätze beleuchten entwicklungspsychologische Aspekte (Reinhard Winter: Der werdende Mann), biographisch-narrative Aspekte (Ivo Knill: Der erzählte Mann), Aspekte der Geschlechtsrolle (Helmut de Waal: Der Vater-Mann und Hans-Geert Metzger: Der strukturierte Mann), berufssoziologische Aspekte (Josef Christian Aigner und Gerald Poscheschnik: Der andere Job), Aspekte der seelischen Gesundheit (Eduard Waidhofer: „Männer leiden anders“), politische Aspekte (Markus Theunert: Die andere Geschlechterpolitik), Bildungsaspekte (Hans Prömper: Vom Glück, ein Anderer zu sein), sowie theologisch-spirituelle Aspekte (Peter Stöger: Geist und Geistin und Johannes Berchthold: Das Andere in uns).

Die Autoren geben einen Einblick in das, was in gewisser Weise parteiliche Männerarbeit genannt werden könnte. Dem Vorwort ist ein Zitat von Matthias Franz vorangestellt: „Das Männliche ist von Geburt an das immer schon andere, das von Beginn an infrage stehende, das strukturell krisenhafte Geschlecht.“ (S. 7) Dieses Zitat zeigt das Erkenntnisinteresse des Bandes an und nimmt vorweg, in welcher Weise der Herausgeber das andere des alternativen Blicks zu dem einen, nämlich „Männer als ‚miserables Geschlecht'“ (ebd.), in Beziehung setzt. Damit wird eine Haltung des Entgegen benannt, die den ganzen Band durchzieht. Deutlich wird das vor allem in der Kritik des Herausgebers an „Gendertheorie“ und „Sozialkonstruktivismus“ (S. 26) und wenn er spricht von einer „Neigung, die Geschlechtsunterschiede für unbedeutend zu erklären oder sie durch kaum enden wollende Zahl von transsexuellen, transidenten und intersexuellen Besonderheiten ersetzen zu wollen“ (ebd.). Aigners Argumentation erinnert an das Dramadreick: Männer als Täter, Männer als Opfer, Männer als Retter. Ein Blick auf die benachbarte Disziplin der historischen Familiensoziologie könnte hier helfen, den Kontext zu beleuchten, in dem überhaupt Zuschreibungen von weiblich und männlich als quasi-natürlich verstanden werden konnten.

Dass für Erziehung, Beratung und Therapie gilt, es möge weniger Leid sein, versteht sich auch aus der aufklärerischen Haltung der Moderne mit ihrem dem Postulat von Mündigkeit. Dass dafür eine Abwertung konstruktivistischer Ansätze notwendig sein soll, erscheint nicht einleuchtend. Wenn der Herausgeber des Bandes in Bezug auf Geschlechtlichkeit „wichtige, unleugbare ‚Bio‘-Unterschiede“ (S. 29) betont, dann sei an Humes Gesetz erinnert, nach dem nicht vom Sein aufs Sollen geschlossen werden könne. Insofern kommt in diesem Band dem narrativen Ansatz von Ivo Knill noch eine weitere Bedeutung hinzu, indem er Erzählungen als biographische Konstruktion in einem bestimmten Kontext anbietet und diese so einer Reflexion zugängig macht. Gleiches gilt für den Beitrag von Eduard Waidhofer, der herausarbeitet, wie „Doing-Gender“ im weiteren und „Doing-Masculinity“ im engeren Sinne zur Regulierung von Emotionen und damit auch zu Lebenskrisen, psychischen Belastungen und psychischen Erkrankungen beitragen und vom Kontext der bürgerlichen Familie und deren normativen Vorstellungen von Geschlechtsrollen und Sexualität bestimmt sind.

Als Praxisbericht bieten die Aufsätze eine Quelle für die Diskussion um Männlichkeiten (im Plural, z. B. unter generationenspezifischen Aspekten) heute. Auf der Ebene der Theoriebildung bleiben sie, systemisch gesprochen, bloß Beobachtung erster Ordnung, wo Beobachtung zweiter Ordnung notwendig wäre: Es fehlt eine Analyse, die die vier Dimensionen von Geschlechtlichkeit (biologisches Geschlecht, Geschlechtsrolle, Geschlechtsidentiät und sexuelle Identität) in den Blick nimmt und wie daraus (Hetero-)Norm und Abweichung konstruiert werden und Homo- und Transnegativität entstehen.