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Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Diagnostische Kriterien für Forschung und Praxis. 6., überarbeitete Auflage unter Berücksichtigung der Änderungen gemäß ICD-10-GM. Hg. von Horst Dilling, Werner Mombour, Martin H. Schmidt, Elisabeth Schulte-Markwort. Bern [Hogrefe] 6. Auflage 2016,
 264 Seiten, 29,95 €, ISBN 9783456857008

In der 6. überarbeiteten Auflage liegt seit dem vergangenen Jahr bei Hogrefe ein kleiner Band mit diagnostischen Kriterien für Forschung und Praxis zur Internationalen Klassifikation psychischer Störungen vor.
Dem zentralen Inhalt, dem 5. Kapitel der internationalen Klassifikation von Krankheiten in der 10. Überarbeitung, das sich den seelischen Erkrankungen widmet, sind drei Vorworte (zu dieser Ausgabe, zur ersten deutschen Ausgabe und zur englischen Ausgabe), eine Danksagung und vor allem die Anwendungshinweise vorangestellt. Es folgen zwei Anhänge mit vorläufigen Kriterien für ausgewählte Störungen und für kulturspezifische Störungen, sowie je eine Liste der beteiligten Experten_innen und der Koordinations- und Feldstudienzentren. Ein Index schließt den Band ab.

Im Unterschied zu den ebenfalls bei Hogrefe vorgelegten klinisch-diagnostischen Leitlinien, folgen die diagnostischen Kriterien dem englischen Text der Originalausgabe. Die hier vorgelegten Forschungskriterien sind Grundlage für wissenschaftliche Untersuchungen im Feld der Psychiatrie. Dabei ist den Autoren_innen bewusst, dass sie sich zwischen Begriffsbildung im Allgemeinen und dem Beobachten von Syptomen im Besonderen bewegen. Sie konstatieren, dass die Ansprüche verschiedener Sprach- und Kulturräume durchaus kontrovers diskutiert werden. (Vgl. 12)

„Eine Klassifikation ist eine Möglichkeit, die Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt zu sehen.“ (19) Nicht mehr und nicht weniger bietet dieser Band. Er gibt weder Auskunft über die Art und Weise der psychiatrischen Forschung, die eng verbunden ist mit der neuzeitlichen Erfindung moderner Naturwissenschaften und ihrem positivistischen Erkenntnisinteresse, noch übt er Wissenschaftskritik oder bietet einen Einblick in die Sozialgeschichte der Psychiatrie oder der Konstruktion von Wahnsinn in der Gesellschaft (vgl. Foucault) mit der Unterscheidung von Norm und Abweichung und den Folgen der Klassifizierung, des verobjektivierenden Zugriffs durch das Auf-den-Begriff-Bringen. Der vorliegende Band selbst ist eine Quelle für die Wissenschaftssoziologie dieses Fachs.

Die Autoren_innen geben Auskunft über ihr Erkenntnisinteresse, die Verbesserung der seelischen Gesundheit und zeichnen kurz die Entwicklung von Diagnostik und Therapie seit den 1970er Jahren nach. Die beiden Anhänge, die einerseits für unsicher angesehene psychische Störungen in der eigenen Kultur diskutieren und andererseits einen interkulturellen Blick auf psychische Störungen erlauben, sind für die Selbstreflexion des Faches besonders bedeutsam. Hier scheint ein anderes, diskursives Verständnis von Diagnostik durch. Das wäre z. B. interdisziplinär am Beispiel des Amok durchzudeklinieren, der im Anhang II der kulturspezifischen Störungen für Indonesien und Malaysia aufgeführt wird als „… eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich destruktiven Verhaltens …“ (223). Mindestens werden so für die Psychiatrie soziologische, kulturanthropologische und ethnologische Studien bedeutsam.

Wer der Systematik des ICD-10 V folgt und organisch bedingte psychische Störungen von Schizophrenien, wer affektive Störungen mit manischen und depressiven Episoden von neurotischen, somatoformen und Belastungsstörungen unterscheiden lernen will, sei daran erinnert, das im Kontext unseres Medizinsystems Diagnostik zwingende Voraussetzung für Therapie ist. Im Mittelpunkt der psychiatrischen und psychotherapeutischen Bemühungen steht der leidende Mensch. Darüber, wie aus dem Sein –den Ergebnissen psychiatrischer Forschung- auf das Sollen –also eine Ethik von Psychiatrie und Psychotherapie- geschlossen werden kann und soll, bleibt nach der Lektüre die Aufgabe der Leser_innen. Schon aus diesem Grund ist der Band zu empfehlen. Für psychische Störungen und seelisches Leid bedeuten die Diagnostischen Kriterien insofern einen emanzipatorischen Fortschritt, als dass sie eine Grundlage gemeinsamen Verstehens und den Zugang zu psychischer Gesundheit bilden. Für das Gelingen psychiatrischer und psychotherapeutischer Bemühungen wiederum könnte es hilfreich sein, eine systemische Haltung einzunehmen und Klienten_innen als Experten_innen für sich und ihre Lebensgestaltung anzusehen. Dieses Andere zur positivistischen Experten_innen-Haltung der Psychiatrie würde einen weiteren emanzipatorischen Fortschritt bedeuten: Mal das eine, mal das andere – und beides als Möglichkeiten, die Welt zu sehen.

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