Betrachtungen über Steine

Cape Cod Bay - (c) M.Chmielorz 2016Ein Foto von mir: Der Blick nach unten gerichtet auf die eigenen Füße, ein Schritt, linker Fuß voran, „achte auf die Lücke“, dort, wo zwei Steinblöcke aufeinandertreffen – auf dem Damm von Pilgrim’s First Landing Park nach Wood End, links und rechts die Wasser der Cape Cod Bay.

Die Eigenschaft von Steinen ist es, steinig zu sein. Auf dem dort rüber bringe ich es auf den Begriff – „Steinigkeit“, ein schöner, weil mir so treffend erscheinender Neologismus, den ich im Duden nicht werde finden können. „Steinigkeit“ würde all das bezeichnen, was sich hier, während ich Schritt für Schritt über den Damm laufe, zwischen mir und den Steinen unter meinen Füßen … geschieht.

Tun diese Steine irgendetwas? Wenn es also darum ginge, einen Begriff von „Steinigkeit“ zu verflüssigen? – Hier hingelegt worden sein … liegen … einen Damm bilden … eine innere Seite der Bucht von einer äußeren trennen … einen Weg ermöglichen … vom Wasser abgeschliffen werden … einen Dienst tun … eine Funktion erfüllen … mit dem Gehenden in Kontakt treten … ihn bei jedem Schritt herausfordern. Das Tun der Steinblöcke ist passiv und von einer solchen Passivität, dass kaum noch die Rede sein kann von Tun in unserem Alltagsverständnis.

Der Weg fordert, will er gegangen werden, beim Gehen seine eigene Weise, auf ihm zu gehen. Er setzt Subjekt und Objekt in Beziehung; und im selben Augenblick, in dem sich die Lücke zwischen beiden (zwischen zwei Steinblöcken, zwischen dem Gehenden und dem Stein) auftut, erhält sie auf eine eigene Weise eine neue Fülle von Bedeutungen. Die Grenze der Unterscheidung begangen werden / gehen, der Unterscheidung passiv / aktiv wird durchlässiger. Dieser Damm wurde an dieser Stelle errichtet, um die Natur zu beherrschen. Dieser Weg aus ungleich aneinandergereihten, schief zueinander daliegenden Steinquadern fordert von mir: langsamer zu gehen, ruhiger zu atmen, aufmerksamer zu werden, eingedenk zu sein – Schritt … für … Schritt.

Der Eigensprachlichkeit des Materials ist Folge zu leisten. Der Damm, der selbst eine Funktion erfüllt, einen Zweck, kehrt für den Gehenden die gewohnte Hierarchie um. Der Stoff, aus dem der Damm ist, der Damm, der mir hilft, die Bucht zu überqueren, das, was ich benötige, um von hier dorthin zu kommen, die Steine, die mir zur Verfügung stehen; sie verfügen über mich. Und in genau dieser Weise trete ich mit den Steinen in Kontakt, in der Weise, die beim Setzen des Fußes während des Gehens entsteht, und alles andere, was noch über Steine und ihre „Steinigkeit“ zu sagen wäre, entzieht sich in diesem Moment.

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