Rezension zu: Guido Fuchs (Hg.) Tadzios Brüder. Der „schöne Knabe“ in der Literatur. Hildesheim, Verlag Monika Fuchs, 2015, 260 Seiten, Hardcover, 14 s/w-Bilder, mit Fadenheftung und Lesebändchen, ISBN 978-3-940078-42-1, 26,95 EUR

Zur Rezension wurde mir vom Autor ein 260 Seiten starker Band eingereicht, der bereits 2015 im Verlag Monika Fuchs erschienenen ist. Herausgeber der Anthologie ist Guido Fuchs, Ehemann der Verlegerin. Der 1953 geborene Autor ist promovierter katholischer Theologe, 1. Vorsitzender des Institutes für Liturgie- und Alltagskultur e. V. und außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

Fuchs versammelt weit mehr als 150 Texte unterschiedlicher Autoren_innen, denen eine Einführung mit dem Titel „Ein erlesenes Marionettentheater“ vorangestellt ist. Wenn hier ein Bezug zu Heinrich von Kleist (1777-1811) zu lesen ist, dann zeigt sich so auch, in welchen Kontext der Autor, davon können die Leser_innen wohl ausgehen, seine über die Jahre erlesene Text-Kenntnis zum Thema stellt. Der älteste Text von J.C. Levater aus dem Jahr 1780 nimmt das religiöse Motiv des zwölfjährigen Jesus-Kindes im Tempel auf, der jüngste abgedruckte Text von Christoph Hein aus dem Jahr 2013 das antike Motiv des Goldenen Flieses und des jungen Phrixos. Der Großteil der Texte wurde von 1850 bis 1950 geschrieben. Wie genau diese Auswahl entstanden ist, erfahren die Leser_innen jedoch nicht und auch nicht, welche Bedeutung das Motiv des „schönen Knabens“ gerade in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Literatur hatte. In der 39 Seiten langen Einführung eröffnet der Autor einen ersten Zugang zum Thema, stellt eine inhaltliche Verbindung zum Begriff der Schönheit ebenso her, wie Bezüge zur griechischen Antike und begründet die Ordnung der vom ihm ausgewählten Texte in zwölf Abteilungen, wie z. B. „Begegnung“, „Betrachtung“, „Erwählung“ oder „Verheißung“ und „Versuchung“.

Die Einleitung jedoch lässt eine Reihe von Fragen offen. So wäre es lohnenswert gewesen zu untersuchen, was denn der Blick der Betrachter_innen auf „den schönen Knaben“ über diese selbst und deren Motive aussagt. Auch böte sich eine Einordnung in den Kontext der bürgerlichen Gesellschaft an: Welche Bedeutung hat das Motiv im Verhältnis zur bürgerlichen Familie und zur Entstehung des bürgerlichen Ideals von Liebe, Beziehung, Ehe und Geschlechtsrollenvorstellungen? Oder: In welcher Weise unterscheiden sich Schönheits- und Liebesideale der griechischen Antike vom modernen Begriff von Schönheit und Liebe? Deutlich wird, dass das Motive des „schönen Knabens“ verbunden ist mit einem Begriff des Begehrens, doch wie unterscheidet sich dann ein sinnlicher oder sublimierter Zugang von einem sexuellen? Schließlich noch der Blick auf das Fremde: Wie konstituiert sich im Motiv des „schönen Knaben“ eben auch ein kolonialistischer Blick darauf? Diese Fragen stellen sich beim Lesen des Buches ein und bleiben unbeantwortet.
Wenn es also denn um ästhetische Erfahrungen geht, die sich einstellen mögen angesichts des Motivs des „schönen Knaben“, wenn diese Erfahrungen „sprachlos“ und „betroffen“ machen (S. 29), dann drängt sich mir geradezu auf, danach zu fragen, welche Bedeutung Vorstellungs- und Einbildungskraft im modernen Bewusstsein haben und wie die diegetische, erzählte Welt ins Verhältnis zu setzen ist zur realen Welt und in welcher Weise die imaginierte Sehnsucht zur Realität drängt. (Vgl. dazu die Arbeiten der Soziologin Eva Illouz.)
Der Titel „Tadzios Brüder“ macht Thomas Mann zum Gewährsmann des Motivs des „schönen Knaben“, doch die Einführung des Herausgebers bleibt auch hier zu sehr auf der Ebene der Beschreibung, als dass sie auflösen würde, welche Bedeutung das Motiv für die vielen zitierten Werke Manns und dessen Rezeptionsgeschichte hatte. Auch die Frage nach dem Erkenntnisinteresse der Herausgeberschaft hätte deutlicher aufgeworfen und beantwortet werden können.

Im Vorwort heißt es, das Thema des Buches sei „heute problematisch geworden“ – und dies sicherlich nicht nur, weil z. B. im Fernsehen für das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ geworben wird. Es ist ein weiter Weg von der „Erfindung der Kindheit“ in der Moderne (vgl. Philippe Ariès) und den aktuell in der Bundesrepublik geltenden Strafrechtsregelungen zur sexuellen Selbstbestimmung und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellen Übergriffen. Auch wenn der Autor im Vorwort betont, die Texte enthielten keine sexuellen Aspekte, sprechen doch einzelne Texte beredt von Grenzüberschreitungen in genau diese Richtung: „Sie lehrt ihn Dinge, die ihn zugleich betrüben und entzücken. (…) Christophe ist fünfzehn Jahre als. Er wird noch viel lernen und noch mehr vergessen müssen“. (Klabund: Moreau. Roman eines Soldaten. In: ders.: Romane der Leidenschaft. Leipzig 1991, zit. n. ebd., S.198f.)
Problematisch ist dem Rezensenten nicht das literarische Motiv, sondern die unausgesprochenen Implikationen einer Textauswahl, vor allem dann, wenn sich der Autor im Raum der Kirche verortet und sich entscheidet nicht zu benennen, wie das Motiv des „schönen Knaben“ immer wieder zu Gewalt gegen Kinder und Jugendliche geführt hat, an deren Folgen die Opfer bis heute leiden.

Wer eine monothematische Textsammlung erwartet, wird mit dem vorliegenden Band zufrieden sein, wer eine literatur- und kulturgeschichtliche Einordnung und eine kritische Analyse erwartet hat, der wird das Buch enttäuscht zur Seite legen.