Zu: Angelika Krebs: Zwischen Ich und Du, Eine dialogische Philosophie der Liebe, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Suhrkamp Verlag Berlin 2015, ISBN 978-3-518-29663-9, Preis: 18,00 Euro

Angelika Krebs arbeitet als Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Passend zu ihren bisherigen Veröffentlichungen bearbeitet sie auch diesmal ein ethisches Thema, die Liebe.

Ganz zu Beginn möchte ich eine Enttäuschung benennen. Das im Titel zuerst vorkommende Wort „Zwischen“, dem auch Martin Buber in seiner dialogischen Philosophie einige Gedanken widmete, wird (im gesamten Buch) nicht ausdrücklich thematisiert. Es weist hier offensichtlich einfach auf die Beziehungsthematik hin, die man auch Zwischenmenschlichkeit nennt. Der Vorteil und die Stärke des Buches hingegen liegen darin, dass sowohl die klassische Philosophie, als auch philosophische Beispiele der Neuzeit (z. B. Edith Stein) und der Literatur (z. B. Henry James) zu Wort kommen.

Die christliche und religiöse Debatte um die Liebe kommt allerdings etwas zu kurz. Lediglich Henry Frankfurt weist auf die Bedeutung der Agape im Christentums hin (vg. S. 36). Die Hauptthese des Buches liegt schlicht und ergreifend darin, dass die traditionellen und von der griechischen Philosophie abgeleiteten Formen der Liebe eros und agape um den Begriff der philia ergänzt werden müssen, der zwar auch aus der klassischen Philosophie stammt, aber mit dem Begriff Liebe gemeinhin nicht in Verbindung gebracht wurde. Die Freundschaft ist keinesfalls ein Modell, das gegenüber der Verschmelzung und der Fürsorge abzuwerten wäre. Angelika Krebs zeigt am Beispiel von Aristoteles, dass philia schon damals zum Bereich der Liebe gerechnet wurde.

So schreibt sie zu diesem Komplex: „Ob bei der Liebe zusätzlich zum ‚kommunistischen’ Moment ein eigenständiges altruistisches Moment hinzutreten muss, ist umstritten. Die eine Seite macht geltend, dass man in der Liebe ja meist nicht alles, was die Individualität ausmacht, teilen kann. (… ) Plausibler ist freilich die andere Position, wonach sich das Interesse an unteilbaren Aspekten der Individualität des anderen aus dem dialogischen Interesse am Teilen seiner ganzen Individualität ergibt.“ (S. 47) Das meint: Der notwendige Altruismus kommt beim tatsächlichen Egoismus an seine Grenze. Das dialogische Modell und das kurative ergänzen einander.

Sexualität wird dabei als Teil eines Dialogs betrachtet. Angelika Krebs zitiert in diesem Zusammenhang einige Bemerkungen von Roger Scruton, wobei allerdings einige Formen von Sexualität als pervertiert oder mangelhaft bezeichnet werden, hierzu wird auch Homosexualität gerechnet. Hier stellt sich die Frage, warum Angelika Krebs diese Position von Roger Scruton relativ wertfrei zitiert und sich nicht ausdrücklich davon distanziert, während sie an anderer Stelle anhand der Bedeutung unterschiedlicher Modelle ausdrücklich die Vielfalt von Möglichkeiten im Verständnis von Liebe demonstriert.

Offensichtlich ist jedoch auch aus anderen Perspektiven, dass Liebe zwar als Verschmelzung oder Bindung verstanden wird, die aber gerade davon lebt, dass jeder Partner die Vorstellung der eigenen Bedürfnisse behält und so auch zu einem Teil egoistisch bleibt. Bezeichnend ist, dass die unterschiedlichen Formen von Beziehungen immer von den Liebenden selbst zu definieren sind und nicht von außen. (C.F.)

Das Anliegen der Autorin ist es, ihren Ansatz der „dialogischen Philosophie der Liebe“ auf ein „Verständnis geteilten Fühlens“ zu gründen. Dazu untersucht sie die Ansätze des Philosophen Hermann Schmitz’, dessen „Neue Phänomenologie“ auch als Leibphilosophie bezeichnet werden kann. Weiter bezieht sie sich auf den Ansatz von Martha Nussbaum, der Emotionen kognitiv als Werturteile reformuliert, sowie die narrative Gefühlstheorie von Christiane Voss. Die Autorin nimmt Bezug auf die philosophische Anthropologie, sie unterscheidet demnach Prozesse im menschlichen Körper von Wahrnehmungen und Empfindungen, sowie Handlungen. Schmitz’ Ansatz nimmt einen breiten Raum ein im Rahmen ihrer Untersuchungen der Kategorien von Gefühlen. Ausführlich referiert sie dessen System der Gefühle und dessen Unterscheidungen von leiblichen Regungen, Gefühlen/Atmosphären/Stimmungen, die nun wiederum weiter ausdifferenziert werden. Ihr Ziel ist es dabei, sein Verständnis des geteilten Fühlens und der Liebe nachzuvollziehen, um ihr dialogisches Modell der Liebe, das im engeren Sinne ein interpsychisches Modell ist, vom Schmitz’schen, als „koinistisch“ bezeichnetem Modell abzugrenzen, das eher als ein räumliches Modell von Liebe als geteiltem Fühlen verstanden werden kann.

Auch die Modelle von Nussbaum und Voss werden einer Kritik unterzogen. Bei Nussbaum gibt es einen ersten Hinweis auf den von Angelika Krebs untersuchten Zusammenhang von Ethik und Ästhetik, denn Henry James und seine Dichtungen sind ja der Kulminationspunkt ihrer Argumentation. Bei Nussbaum findet sich der Hinweis auf die Unterscheidung der diegetischen Welt der Erzählung von der realen Welt. Dennoch bleibt die Kritik an Nussbaum, nach der geteiltes Fühlen als systematische Kategorie fehle: „Nicht ‚A liebt B’, sondern ‚Zwei lieben sich’ ist der Satz, von dem eine Analyse der Liebe ausgehen sollte.“ (S. 206) Das narrative Modell von Voss, in dem Liebe unter dem zeitlich-dramaturgischen Aspekt und unter dem Aspekt kultureller Skripte verstanden werden kann, wird einer Kritik unterzogen, nach der die aktive Seite eines gemeinsamen Gefühls zu stark betont würde und die passive Seite der Gefühlsansteckung zu wenig in den Blick genommen würde. Die Autorin folgt demgegenüber dem Anspruch einer „definitiven Analyse“ des Miteinanderfühlens. (Vgl. S. 220)

In einem Exkurs wendet sie sich den Arbeiten Friedrich Kambartels zu, bei dem sie ihre Magisterarbeit schrieb und untersucht dessen Forschungen zu Religion, Gelassenheit und Kunst unter der normativen Leitfrage des  „Lebens in der richtigen Einstellung“. Das ist deswegen von Bedeutung, weil es hier um die Frage nach dem Sinn des Lebens geht, um die Möglichkeit von Transzendenz und um die Ermöglichung von Erfahrungen, die sowohl in Kunst, als auch Religion, Erfahrungen von Sinn bezeichnen, die über Alltagserfahrungen hinausgehen. Hier ist auch der Link von Ethik und Ästhetik zu sehen. Sie zitiert Kambartel: „Das (absolute) Kunstwerk lehrt uns, die Welt richtig zu sehen.“ (S. 268) Ästhetische Erfahrungen untersucht sie denn auch mehr im Hinblick auf die Produktion von Kunst und weniger im Hinblick  auf eine eigenständige ästhetische Rationalität, die bei zweckfreien ästhetischen Erfahrungen ihren Ausgang nimmt, auch wenn sie die Erfahrungen in den Blick nimmt, die sich bei der Lektüre von Dichtung einstellen.

Henry James’ Roman „The Golden Bowl“ schließlich wird für die Autorin ein Kulminationspunkt für dialogische, aktive Liebe. Doch auch hier geht es weniger um die Untersuchung ästhetischer Erfahrungen, die Leser_innen bei der Lektüre machen, der Autorin geht es vielmehr darum zu lernen: „Maggie [die Hauptfigur des Romans, mc. ] lernt, dass Liebe eine Form der ‚Teilnahme’ ist und einen gesunden Egoismus sowie das Teilen des Lebens mit dem Geliebten verlangt.“ (S. 291) Hier scheinen immer wieder normative Ansprüche der Autorin durch, die etwas anderes auf den Begriff bringen, als ästhetische Erfahrungen. So bedürfte es auch einer Aufklärung darüber, welche Bedeutung es hat, dass die Autorin einen Roman wählt, in dem „Ehebruch“ ein Kritallisationspunkt für persönliche Entwicklung ist. In der Lektüre der Autorin geht es um „Ehrlichkeit“, „Moral“, um „allgemeine Wahrheiten“ (S.294). Hier wird das Spannungsfeld von Ethik und Ästhetik deutlich, ohne dass jedoch deutlich wird, unter welchen Bedingungen Literatur der einen Seite der Ethik zugeschlagen wird und unter welchen Bedingungen die Autorin eigene Werturteile fällt, wenn sie z. B. Von „unseren übersexualisierten Zeiten“ spricht. (S. 302)

Die Autorin vermittelt immer wieder sehr deutlich ihren normativen Anspruch, wenn es um das geteilte Gefühl von Liebe geht, vor allem dann, wenn sie an unterschiedlichen Stellen davon spricht, das um „Wahrheit“ geht (z. B. S. 204), es geht ihr z. B. um einen „wahren (…) Sinn“ (S. 220) oder wenn sie davon spricht, dass „je feiner unsere Sprache ist, desto reicher ist unsere Welt und desto reicher kann auch unser Gefühlsleben sein.“ (S. 215) Ihr Erkenntnisinteresse und die impliziten Werturteile werden dabei jedoch zu wenig in den Blick genommen. Systemisch gesehen fehlen dem vorliegenden Band Selbstreflexion und Feedbackschleifen. Mit dem Zitat von Henry James, in dem einem romantischen Leben die rauhe Wirklichkeit entgegengestellt wird (vgl. S. 309) könnte die Untersuchung mit einem neuen Auftrag weitergehen, denn hier ist die Metaebene angesprochen, die den Gegenstand des Buches berührt: Wie können die diegetische Welt der Narrationen und die reale Welt der Alltagserfahrungen, wie können Ethik und Poetik vermittelt werden, eben „zwischen Ich und Du“ – und das genau nicht linear, indem Literatur nur das exemplifiziert, was zu lernen sei. Denn wer könnte das schon bestimmen? (mc.)

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