(20) Die Ethik der nächsten Gesellschaft sucht nicht mehr das gute Leben, nicht mehr die vollkommene Tugend und auch nicht mehr die mögliche Anklage gegen das eigene Leben (das gute Gewissen), sondern das im Wortsinn einwandfreie Handeln. Ethisch einwandfrei ist das Handeln, dem alle Betroffenen, würden sie gefragt, zustimmen könnten. (Dirk Baecker: Zukunftsfähigkeit. 22 Thesen zur nächsten Gesellschaft. URL: https://catjects.wordpress.com/2013/07/02/zukunftsfahigkeit-22-thesen-zur-nachsten-gesellschaft/ abgerufen am 04.06.2015

Schöne Frage von Michael Drogand-Strud, gefunden auf Facebook, im Diskussionsforum „Geschlechtersensible Pädagogik“, an dem ich gerne teilnehme.

Alle jubeln den Iren zu. Die Homoehe kommt. Aber ist es nicht absurd, dass ausgerechnet eine Gruppe der schärfsten Kritiker*innen der bürgerlichen Ehe diese nun für sich erstreiten und „heiligen“ will? Natürlich brauchen wir Gleichberechtigung, aber dass ausgerechnet homosexuelle Paare die Heteroehe wieder hoffähig machen … (URL: https://www.facebook.com/groups/geschlechterpaedagogik/permalink/409880642552620/)

Da passt zusammen, was zusammengewachsen ist, die bürgerliche Ehe und ihre Hetero-Matrix. Ein kurzer Blick in die Geschichte der bürgerlichen Familie genügt schon, „hoffähig machen“ ist das Stichwort. Die Frage war: Wie können Angehörige des Bürgertums Anerkennung finden in einer Gesellschaft, in der Adel und Klerus herrschen? Die Lage war prekär, unsicher und diese Lösung bot sich an, ein Amt nämlich durch Bildung und ökonomischen Erfolg zu erlangen. Der Rest ist schnell erzählt, die Geschichte der Trennung von Haus und Arbeit, die Erfindung der kapitalistischen Wirtschaftsweise, die Zuschreibung von Geschlechtsrollen anhand der Pole männlich/weiblich, aktiv/passiv, Produktion/Reproduktion, rational/emotional. Diese gesellschaftliche Konstruktion sozialer Wirklichkeit des 18. und 19. Jahrhunderts wurde alsbald mit einer „natürlichen“ Begründung versehen. Heute wird dies unter der Überschrift „Heteronormativität“ ebenso kritisch verhandelt, wie der über 150 Jahre machtvolle Zwang zur Heterosexualität und die Marginalisierung, Kriminalisierung und Pathologisierung von Homosexualität und den Lesben und Schwulen. Das Bürgerliche Gesetzbuch ist eben ein bürgerliches Gesetzbuch und formulierte sehr wohl sehr lange, in welcher Weise in der bürgerlichen Gesellschaft Zugehörigkeiten definiert und gesellschaftliche Ausschlüsse positiv sanktioniert wurden.

Wozu also ist es gut, dass ein Teil der Emanzipationsbewegung von Lesben und Schwulen genau darauf setzt: auf das bürgerliche Recht und die Möglichkeit, wie ihre heterosexuellen Eltern, Geschwister, Freund_innen, Nachbar_innen, Kolleg_innen Verwandtschaftsverhältnisse zu begründen? Diese Anerkennung zumindest sichert gegen Unsicherheiten und mindert prekär empfundene Verhältnisse, z. B. diejengen binationaler Paare oder derjenigen von Regenbogenfamilien.

Es ist sicher kein Zufall, dass das in dem historischen Moment möglich wird, in dem das Ideal der bürgerlichen Familie nichts anderes mehr ist als ein Ideal: ein Muster, das im Leben keine Vollkommenheit mehr erreichen wird: Reproduktion und Sexualität entwickeln sich zunehmend auseinander, Ein-Eltern-, Patchwork- und Regenbogenfamilien ermöglichen Alltagserfahrungen, die Hälfte aller Ehen werden wieder geschieden. Da kann von „heiligen“ schon gar nicht die Rede sein, auch wenn das Ideal der bürgerlichen Familie für die christlichen Kirchen ein Glücksfall war, fiel es doch über Jahrzehnte in eins mit der „heiligen Familie“. Dass diese Familie ebensowenig heilig ist, wie ihre christlichen Eltern es sind, darüber berichten diejenigen lesbischen und schwulen Jugendlichen, die nach der Berliner Studie „Sie liebt Sie. Er liebt ihn.“ viermal häufiger selbstmordgefährdet sind, als ihre heterosexuellen Freund_innen.

Ja, die Ehe für alle – wenn Lesben und Schwule dasselbe Recht bekommen, wie alle anderen auch, zumindest die, für die das Bürgerliche Gesetzbuch gilt, dann ist das kritisch (46 Jahre nach der Strafrechtsreform 1969, durch die erst der von den Nazis verschärfte § 175 StGB, der schwulen Sex unter Strafe stellte, liberalisiert wurde -er galt bis 1994- und 23 Jahre, nachdem Lesben und Schwule spontan von einer psychischen Störung geheilt wurden, weil die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus dem internationalen Verzeichnis der Krankheiten strich) – eine Kritik bestehender Diskriminierungen. Und zugleich ist es affirmativ, weil damit auch der ideologische Ballast der bürgerlichen Gesellschaft mitgekauft wird, der da heißt: Sexismus, Rassismus, Kolonialisierung der Lebenswelt im Namen des Neoliberalismus. Selbstverständlich ist die bürgerliche Ehe nicht einwandfrei. Und ich bin es auch nicht, denn ich lebe in einer Eingetragenen Lebenspartnerschaft und profitiere von Privilegien, von denen andere ausgeschlossen sind. Denn es gibt z. B. gute Gründe dafür, rechtliche Rahmenbedingungen für Verantwortungsgemeinschaften zu schaffen, die aus mehr als zwei Personen bestehen. Es gibt gute Gründe für ein Familiensplitting anstelle des sog. Ehegattensplittings.

Was bleibt ist die Anerkennung der eigenen Komplizenschaft (Derrida, den Hinweis verdanke ich Christoph Fleischer): Positioniert werden – menschliches Leben beginnt immer heteronom- und sich zu positionieren schafft Ein- und Ausschlüsse, markiert Grenzen, die mich ebenso durchziehen, wie das soziale Gefüge, in dem ich mich bewege oder von dem ich bewegt werde.

Wer verblendet ist, handelt blindwütig, verrennt sich, ist voreingenommen und verbohrt. Verblendung erzeugt Gewalt. Ich sehe das größere Gewaltpotenzial auf Seiten derjenigen 40% der in Deutschland Befragten der Studie „Die Abwertung der Anderen.„, die Ehen zwischen Menschen des gleichen Geschlechts ablehnen, als bei denjenigen Lesben und Schwulen, die in der Ehe für alle eine Lösung im Sinne von mehr Akzeptanz und weniger Diskriminierung sehen. Jeder Einwand ist eine Möglichkeit, Anschlusse herzustellen, eine Einladung zur Kommunikation.