Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren, sondern sie auf die einzig mögliche Weise zu ihrem Rechte kommen lassen: sie verwenden. (Walter Benjamin, Das Passagen-Werk I, 576)

Der Himmel über Banyuls-sur-Mer ist im Februar strahlend blau. Gleißendes Sonnenlicht lässt die Kieselsteine am Strand der kleinen Bucht weiß glänzen. Lichtreflexe tanzen auf den Wellen. Ein paar Einheimische sitzen schon auf den Terrassen der Cafés an der Promenade: vor sich einen Grand Café Crėme die einen, die anderen ein Bière pression. Nur ein paar Passanten sind mittags auf der Straße, kaum Verkehr außerhalb der Saison. Ein paar deutsche Wortfetzen: Ein Obdachloser trägt Hab und Gut mit sich herum.

Vor 70 Jahren haben die alliierten Truppen der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft über Europa ein Ende gesetzt. Walter Bemjamin war da schon fast fünf Jahre tot, sein Andenken fast vergessen, hätten es nicht die wenigen Freunde über das Exil hinaus bewahrt. Auf der Flucht vor der Gestapo kommt der Philosoph nach Banyuls-sur-Mer. Lisa Fittko wird ihn führen: ein alter Pfad über die Ausläufer der Pyreenäen ins katalanische Portbou, nach Spanien: Von dort soll die Reise mit einem Transitvisum weitergehen nach Portugal  und in die USA, wo Theodor W. Adorno und Gretel Karplus seit 1938 leben.

Mit nichts als einer Aktentasche unter dem Arm, darin die letzten Papiere, die blieben auf der Flucht. Welchen Namen hat die Angst um das eigene Leben? Es ist der 24. September 1940. Sieben Jahre zuvor:  Die NSDAP gewinnt bei den Reichstagswahlen im März noch einmal zehn Prozent der Stimmen dazu. 43,9 % der Bevölkerung, die zum letzen Mal unter dem Eindruck der beginnenden Diktatur ihr Recht zu wählen wahrnehmen, sagen „ja“ zu Adolf Hitler, der im Januar vom greisen Reichpräsidenten und Generalfeldmarschall des 1. Weltkriegs von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde. Da hatte der politische Terror, der sich gegen Sozialdemokrat_innen, Kommmunist_innen und Andersdenkende richtete, schon längst begonnen. Das Land war auf dem Weg zu einer Diktatur, auf dem Weg zur Vernichtung von Menschen, auf dem Weg zur Zerstörung Europas.

Wer wird da Lump geheißen? Zerrissene Kleidung, Stofffetzen, Lappen, zerlumpt buchstäblich und armselig, in Fetzen gerissen: Das, was ausgeschlossen wird – ausgesondert, ausgemerzt, getilgt, vernichtet. Wer heißt da den anderen Lump?

Auf der Passhöhe des Coll de Rumpisó: Dem Wanderer, der den schmalen, steinigen Weg nach oben, den nicht enden wollenden Rücken des Carroig entlang bis hierher gefunden hat, stehen beim Blick auf die in der Sonne leuchtende Bucht von Portbou die Tränen in den Augen, während er vor Freude lacht.

Wie aber die Lumpen verwenden? Von welcher Utopie spricht ver-wenden? Um-drehen, um-kehren, ver-ändern, „drehen machen“, das alles ist wenden. Noch im Mittelhochdeutschen hat verwenden diesen Klang: rückgängig machen, abwenden, wehren, entfernen, umkehren, verwandeln, zerstören, ausstatten.

Auf der Passhöhe des Coll de Rumpisó: Ein letztes Sich-Wehren gegen die totale Entmenschlichung des nationalsozialistischen Regimes. Der lebendige Wunsch, die Verfolgung abzuwenden. Die Utopie, der Philosoph könne mit dem, was er aufschreibt, diese Welt noch einmal verwandeln. Die Hoffnung, sich mit dem Transitvisum über Spanien und Portugal in die neue Welt entfernen zu können. Zwei Tage später bleibt nichts von alldem: nicht der lebendige Wunsch, nicht die Utopie, nicht die Hoffnung. Eine neue Anweisung des faschistischen Franco-Regimes – das Transitvisum ist annulliert, null und nichtitg. Es bleibt die Zerstörung eines Lebens. Walter Benjamin stattet uns aus mit der vermögenden Kraft der Erinnerung. Der zerlumpte Philosoph stattet uns aus mit der gültigen Kraft des Mitgefühls. Wir brauchen sie nur noch verwenden.

Am 26. September 1940 wird meine Mutter geboren. Am 26. September 1940 stirbt Walter Benjamin wohl von eigener Hand, auch wenn es heute Zweifel daran gibt. Zwischen Portbou und Gorzów Wielkopolski, der Stadt Landsberg an der Warthe, in der meine Mutter geboren wird, liegen 1.900 km. Noch heute trägt sie an den Verletzungen.

Walter Benjamin in Portbou

 

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