Rezension zu: Forschung im Queerformat. Aktuelle Beiträge der LSBTI*-, Queer- und Geschlechterforschung. Hg. v. Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. (= Queer Studies, Band 6). Bielefeld, Transcript-Verlag, 2014, 308 S., 24,99 €

Im Jahr 1969 endete in der Bundesrepublik Deutschland die strafrechtliche Verfolgung einvernehmlicher Sexualität erwachsener Männer, und erst im Zuge der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten wurde im Jahr 1994 der berüchtigte Strafrechtspraragraph 175 ganz aufgehoben. Die Pathologisierung, Kriminalisierung, Verfolgung und Ermordung schwuler Männer und lesbischer Frauen fand in den Jahren der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Deutschland einen furchtbaren Höhepunkt.

2011 wurde die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld von der Bundesrepublik Deutschland gegründet. Ihren Namen erhielt sie in Erinnerung an Magnus Hirschfeld, der als Arzt und Sexualforscher einer der Mitbegründer der ersten Homosexuellenbewegung in Deutschland war. Aufgabe der Stiftung ist die Aufarbeitung der Verfolgungsgeschichte von Lesben und Schwulen, sowie die Forschung zu Lebenswelten von Menschen, deren sexuelles Begehren sich auf das gleiche Geschlecht richtet und von Menschen, die eine nicht-binäre Geschlechtsidentität leben, sowie der Abbau von Diskriminierungen von Lesben, Schwule, Bisexuellen, Trans* und Inter*Personen. International wird diese Forschung unter dem Stichwort „Queer Studies“ verhandelt.

Nun hat die Stiftung, veröffentlich im Transcript-Verlag, einen umfangreichen Dokumentationsband vorgelegt, dem der „1. LSBTI*-Wissenschaftskongress“ mit dem Titel „Gleich-Geschlechtliche Erfahrungswelten“ zugrundelag. Der Kongress fand im November 2013 in Berlin statt.

Insgesamt 20 rennomierte Autor_innen versammelt der Band, der sich in seiner Breite den beiden Themenfeldern des historischen Umgangs mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt und aktuellen Diskursen zum Thema widmet. Auf hohem wissenschaftlichen Niveau und auf dem aktuellsten Stand der Queer-Studies betreiben die Autor_innen Aufklärung über die Bedingungen gesellschaftlicher Ungleichheiten und geben sehr dezidiert Auskunft über ihr Erkenntnisinteresse des Abbaus jedweder Diskriminierungen.

Stellvertretend für die Fülle der Forschungsergebnisse zur Geschichte von Lesben und Schwulen während des Nationalsozialismus und in der jungen Bundesrepublik, sowie zur aktuellen gesellschaftlichen Lage von Trans* und Inter*Personen, von Lesben und Schwulen mit Behinderung, von Regenbogenfamilien, von Queer mit Rassismuserfahrungen und zur schulischen Bildungsarbeit, seien hier drei Forschungsbereiche genannt:

Klaus Müller beschreibt sehr detailliert, wie – ausgehend von medizinischen Überlegungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – die Selbst-Identifikation und die Fremd-Identifizierung von Lesben und Schwulen als Lesben und Schwule Hand in Hand gehen. Angesichts der gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Lesben und Schwule leben, wird die Selbstvergewisserung über die eigene Identität geradezu not – wendig, um die eigene Marginalisierung abzuwehren: „Die frühe Therorieformung zu Homosexualität und Transsexualität im deutschen Sprachraum hat maßgeblich jene Identitätsparadigmen hervorgebracht, innerhalb derer wir heute global sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität thematisieren. Für die hiesige Forschung stellt sich verstärkt die Frage der globalen Rezeption dieser Identitätsparadigmen.“ (S. 29) Auf dieser Grundlage wird auch möglich, in einen nationenübergreifenden Menschenrechtsdiskurs einzusteigen, der zugleich post-koloniale Bedingungszusammenhänge selbstkritisch in den Blick zu nehmen geeignet ist.

Dieses Thema nimmt auch Heinz-Jürgen Voß auf, der sich aus Anlass der Diskussion um Intergeschlechtlichkeit der intersektionalen Fortentwicklung der Forschung widmet. Dabei formuliert er im Hinblick auf die Geschichtswissenschaften eine Forderung, die als so etwas wie ein „historic turn“ bezeichnet werden könnte: In den Blick kommt die Alltags- und Sozialgeschichte derjenigen, die sich selbst organisieren und ihre eigenen Lebensbedingungen als Inter*Personen selbst erforschen und als Expert_innen beglaubigen. Hierbei gibt der Autor einem Ansatz von Internationalität den Vorzug, der geeignet ist, selbstkritisch die eigene Beteiligung an Herrschaftsverhältnissen zu reflektieren, um „intersektionale Perspektiven zu verstehen und nachzuvollziehen, dass und wo gerade in eigenen Selbstverständlichkeiten koloniale, rassistische, antisemitische und zweigeschlechtlich-sexistische Vorannahmen stecken, und dran zu arbeiten, diese zu verlieren“. (S. 125, Hervorhebung im Original)

Elisabeth Tuider und Ilka Quirling widmen sich der Konstruktion von Heteronormativität am Beispiel von Asyl- und aufenthaltsrechlichen Verfahren. Auch sie knüpfen an die Diskussion von Postkolonialität und Queer an. Sie nehmen dabei, mit Bezug auf Foucault, eine Perspektive ein, die es ermöglicht, „die Konstituierung von Grenzen, Migrationsregimen und Subjektivierungsweisen“ zu hinterfragen, um den „stereotypisierenden und kulturalisierenden Blick des Anderen“ (S. 253f.) zu entlarven. Sehr genau arbeiten sie heraus, wie Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit als heteronormative Ordnungen etabliert werden, wie Sexualität und Geschlecht ebenso naturalisiert, wie normalisiert werden – und zwar nicht nur historisch mit Blick auf die Enstehung der bürgerlichen Familie im 18. und 19. Jahrhundert, sondern aktuell im Kontext von Asyl und Aufenthalt: „Gesellschaftliche Normen brauchen ihr Anderes, um sich als Norm zu etablieren.“ (S.265) Systemisch gesehen folgt der definitorischen Grenzziehung die Ausgrenzung. Dies gilt sowohl für die Konstruktion der „anderen“ sexuellen und geschlechtlichen Identitäten innerhalb der westeuropäisch-nordamerikanischen Demokratien, wie für deren Bestreben, innerhalb der postkolonialen Weltordnung Homophobie quasi in „andere“ Länder und Kulturen zu expatriieren.

Die Lektüre ist sehr empfehlenswert, sie erlaubt den Leser_innen, die eigene Position im Hinblick auf Norm und Abweichung zu bestimmen und jedwede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, die sich in Rassismus, Sexismus oder Homo- und Transphobie äußert, als das zu benennen, was sie ist: eine Ideologie der Ungleichheit.