Eine Antwort auf Hartmut Steeb

Die Psychiatrie machte sich 1853 ihr eigenes Bild von denjenigen, die bald danach als „Homosexuelle“ auf den Begriff gebracht werden sollten: „Monomanie mit unnatürlichen Lastern.“ Berlin, 125 Jahre später: „Die praktizierte Homosexualität ist eine Durchbrechung der bürgerlichen Sexualnorm.“ (Vgl. Schwules Museum: Neues in der Sammlung) Die Sprache verdeutlicht es ebenso, wie der gesellschaftliche Rahmen, in dem gesprochen wird: Offenbar kommt die Diskussion in dieser und anderen Gesellschaften, die Diskussion um Homosexualität im Allgemeinen und um Lesben und Schwule im Besonderen nicht ohne Gewalt aus. Wie also kann da Anerkennung gelingen?

Wir lesen in „The European„, wie da einer, so scheint es, um Anerkennung kämpft: Hartmut Steeb, Generalsekretär der „Deutschen Evangelischen Allianz„. In Bezug auf die aktuelle Diskussion und den Stellenwert des Themas sexuelle Identitäten und sexuelle Vielfalt in Schulen spricht er von „Intoleranz gegenüber Andersdenkenden“. Und damit meint er nicht Lesben und Schwule, sondern sich selbst.

Doch der Reihe nach, und wozu könnte es gut sein, dem evangelischen Christen Hartmut Steeb zuzuhören? Er beginnt seinen Artikel mit der Erzählung von Lebensgeschichte. Und ist es nicht so, dass dem, der sich mit anderen verständigen will, nur das Erzählen beikommt, die freie Aufmerksamkeit, die wahrnimmt, ohne (zunächst) zu bewerten? Geboren, aufgewachsen, die Fachhochschule absolviert, beruflichen Aufgaben nachgegangen, geheiratet, Kinder gezeugt, alt geworden – so beschreibt der Autor rückblickend sein Leben. Und er gibt eine mögliche Antwort auf die Frage nach der Identität: „Im Musterländle bin ich zu Hause.“ Eine Antwort, die einen anderen Blick auf Identität anbietet, denn hier wird die Frage „Wo ist der Mensch?“ bedeutungsvoll und wie sich im Austausch, in Kommunikation und Interaktion an genau diesem Ort Bedürfnisse ebenso formen, wie Antworten darauf. Und der Autor macht es deutlich: Diese Antworten sind nicht etwa Teil einer bloß privaten Geschichte, sondern politisch, denn sie betreffen das öffentliche Handeln, das geprägt ist von denjenigen Weltbildern, zu denen ich im Laufe meines Erwachsenwerdens „Ja“ gesagt habe. Und so wird aus Lebensgeschichte in diesem Artikel auch ein politisches Statement.

Hartmut Steeb hat sich entschieden, einem Weltbild zuzustimmen, in dem die Normen und Werte der bürgerlichen Familie, die sich vor 250 Jahren herausgebildet hat, in eins gehen mit einem christlichen Bekenntnis, das er in einen naturrechtlichen Begründungszusammenhang stellt, der quasi von einer überzeitlichen Geltung bestimmter Vorstellungen von Liebe, Ehe, Familie, Frau, Mann und Sexualität ausgeht: „Man tut so, als ob es kein Naturgesetz sei, dass sich der Mensch durch geschlechtliche Vereinigung von Frau und Mann fortpflanzt.“ Und: „Sexuelle Entfaltung“ auf den Aspekt von Fortpflanzung zu fokussieren, ist nur eine Folge davon. Darauf allerdings hat schon Hume – als eine Errungenschaft der Philosophie der frühen Neuzeit – hingewiesen, dass die Ableitung einer Ethik aus Seins-Tatsachen nicht haltbar ist. Aus dem Sein allein lässt sich ohne kulturelle und gesellschaftliche Leistung kein Sollen ableiten. (Vgl. Humes Gesetz, in: Wikipedia, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Humes_Gesetz abgerufen am 16.01.2014) Und ja, dabei geht es um divergierende Interessen, um Aufklärung über das Erkenntnisinteresse, das der eigenen Argumentation zugrunde liegt ebenso, wie um – soziologisch gesprochen – das Aushandeln der Unterschiede und wie sich eine Demokratie gerade im Umgang mit ihren Minderheiten bewährt und – theologisch gesprochen – wie sich Messianismus gerade im Hinblick auf die Unterdrückten zeigt. Ich wäre nicht allzu überrascht, wenn ich als Schwuler, Linkshänder, Agnostiker anderen Minderheiten angehöre, die gesellschaftliche Gewalt historisch in anderer Weise erfahren mussten, als der Autor. So wie beispielsweise auch Christen zu einer Minderheit gehören können, was jeweils besondere Strategien im Umgang mit sog. Minoriätenstress erfordert.

In der soziologischen Diskussion hat sich der Begriff „Homophobie“ etabliert, auch wenn er an die Bezeichnung einer psychischen Störung erinnert, die nicht gemeint ist. Hier unterliegt der Autor einem Irrtum. Es geht bei der Diskussion um die Vielfalt sexueller Identitäten um eine Akzeptanz und Anerkennung, die sich gegen jede gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit richtet. Zur Verfassungswirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland gehört auch die Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichtes, das etwa festgestellt hat, dass das Vorenthalten des Ehegattensplittings für Eingetragene Lebenspartnerschaften dem Grundsatz der Gleichbehandlung zuwiderläuft. Um Sexualitäten geht es dabei nicht, auch wenn innerpsychisch die Aufgabe besteht, die neuen, aktiven, sexuellen Anteile der Person, die sich in der Adoleszenz ihre Orte suchen, in die erwachsene Persönlichkeit zu integrieren und die offenbar mehr Funktionen haben, als die Zeugung von Kindern – und zwar unabhängig von der sexuellen Identität.

Schwule Männer erzählen eine Geschichte der Verfolgung während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Deutschland. Evangelische Christen der „Bekennenden Kirche“ teilen diese Verfolgungsgeschichte, die für sie 1945 endete. Für schwule Männer bestand sie fort bis zur Strafrechtsreform 1969, der Schandparagraf 175, der gleichgeschlechtliche Handlungen unter Strafandrohung stellte, galt sogar noch bis 1994. Ganz abgesehen davon, dass die Evangelische Allianz in Deutschland „während des Nationalsozialismus (…) keinen Anlass oder Mut zu Widerspruch (fand)“ und „ihr Verhältnis zu Barmen 1934 und zur Bekennenden Kirche (…) bisher nicht aufgearbeitet (ist).“ (Voigt, Karl Heinz:  Theodor Christlieb  (1833 – 1889). Die Methodisten, die Gemeinschaftsbewegung und die Evangelische Allianz. Göttingen, 2008, S. 246) Ich habe den Anspruch, dass, wer über Ehe und Familie spricht und über „Intoleranz gegenüber Andersdenkenden“ und Anerkennung und Zustimmung sucht, nicht schweigt von der strukturellen Gewalt, der Lesben und Schwule in dieser Welt ausgesetzt sind und waren, die sie einschränkt, marginalisiert und sie das Leben kostet, dass sie eben nicht frei und gleich seien an Würde und Rechten. Auch dafür hat die Koalition aus SPD und GRÜNE bei der letzten Landtagswahl in Baden-Württemberg eine Mehrheit bekommen, die mit Max Weber als legitime Herrschaft beschrieben werden kann.

Für die Deutsche Evangelische Allianz ist das Thema Homosexualität offenbar von besonderer Bedeutung, ihre Zeitschrift „EINS“ befasst sich regelmäßig damit. Ein wiederkehrender Topos ist dabei das Thema der Psychotherapieangebote für Lesben und Schwule. So heißt es beispielsweise: „Konkret wird dies vor allem in der Gesetzesinitiative zum Verbot von Therapieangeboten mit dem Ziel der Veränderung der sexuellen Orientierung bei Minderjährigen. Der zunehmende Druck auf die öffentliche Meinung bei sexualethischen Themen manipuliert und beschneidet den gesellschaftlichen Diskurs in einem alarmierenden Ausmaß.“ (Pechmann, Elke: Die Qual …? Wählen gehen – ja! Aber welche Partei – ein Statement, in: EINS, 2/2013, S. 19) Allerdings: In Fragen der Ethik in Medizin und Psychotherapie geht es nicht nur um von der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit. Es geht um fachlich begründete Qualitätsstandards der eigenen Arbeit. Und geltende Standards sehen vor, dass Homosexualität „keine psychische Erkrankung darstellt, keine empirische Evidenz für günstige Effekte von Konversionsverfahren vorliegt und Patienten durch Konversionsverfahren Schaden zugefügt werden kann“. (Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, URL: http://www.dgppn.de/fileadmin/user_upload/_medien/download/pdf/stellungnahmen/2013/DGPPN-Referat_Stellungnahme_zu_Konversionstherapien.pdf , abgerufen am 16.01.2014) Denn: „Hingegen sind als Behandlungsfolgen bei den Betroffenen solcher Umpolungsversuche Ängste, depressive Symptome und Suizidalität bis hin zu vollendetem Suizid aufgetreten“. (Wagner und Rossel, zit. n. Wolf, Gisela: Konversionsversuche, URL: http://www.vlsp.de/wissenschaft/konversionsversuche , abgerufen am 16.01.2014.)

Wie Anerkennung gelingen kann? Indem ich mich einlasse auf einen Prozess anzuerkennen, der Zuspruch und Anspruch zugleich ist: Dich erkenne ich an, dich akzeptiere ich, dich würdige ich, dich respektiere ich, dich achte ich, ich legitimiere deine Weise zu leben. Das genau beschreibt die Utopie gewaltfreier Kommunikation.