Wenn es um die Beratung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans* und Inter*Personen geht, stehen die Beratungsstellen in kirchlicher Trägerschaft in einem besonderen Fokus, weil sie angesichts langjähriger Prägungen und Verurteilungen einem doppelten Rechtfertigungsdruck unterliegen.

Einerseits stehen sie im Spannungsfeld von Umfeldakzeptanz, die je einzelne Berater_innen zeigen, wenn sie den Regeln des fachlichen Könnens entsprechend ausgehen von den Anliegen der Adressat_innen von Beratung und andererseits stehen sie vor der Frage der kirchlichen Akzeptanz oder Ablehnung von Homosexualität, wie es die folgenden Zitate zeigen:

„Homosexuell sind Beziehungen von Männern oder Frauen, die sich in geschlechtlicher Hinsicht ausschließlich oder vorwiegend zu Menschen gleichen Geschlechtes hingezogen fühlen. Homosexualität tritt in verschiedenen Zeiten und Kulturen in sehr wechselhaften Formen auf. Ihre psychische Entstehung ist noch weitgehend ungeklärt. Gestützt auf die Heilige Schrift, die sie als schlimme Abirrung bezeichnet [Vgl. Gen 19, 1-29; Röm 1,24-27; 1 Kor 6,10; 1 Tim 1,10.], hat die kirchliche Überlieferung stets erklärt, ‚dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind‘ (CDF, Erkl. „Persona humana“ 8). Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen.“ (Katechismus der katholischen Kirche, URL: http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P8B.HTM abgerufen am 13.12.2013)

„Doch der Essener Bischof sagt auch Dinge wie: ‚Homosexualität ist eine Sünde. Das widerspricht der Natur von Mann und Frau.'“ (WAZ vom 12.04.2010, URL: http://www.derwesten.de/kultur/fernsehen/overbeck-nennt-bei-anne-will-homosexualitaet-eine-suende-id3471651.html abgerufen am 13.12.2013)

„Homosexualität ist keinesfalls nur eine ‚harmlose Neigung‘ und ärztliche Hilfe kann auch bei ‚Nicht-Krankheiten‘ angezeigt sein.“ (Bund katholischer Ärzte, URL: http://www.bkae.org/index.php?id=1382 abgerufen am 13.12.2013)

„Klaus Vitt, Hilchenbacher Presbyter, verwies auf sein Gelöbnis, den Gehorsam gegen Gottes Wort. In der Bibel werde als Unzucht bezeichnet, wenn ‚zwei Männer beieinander liegen‘ und das würde mit dem Tode bestraft. So weit wolle er nicht gehen; dennoch könne man dieses Verbot nicht einfach aus der Bibel entfernen, weil es der Zeitgeist so erfordere. Gottes Segen zu einem Sachverhalt, der ihm, Gott, nicht genehm sei, könne man nicht erzwingen. Unterstützung erhielt Vitt vom Vertreter des Ev. Gemeinschaftsverbands, Dieter Karstädter: Homosexuelle Praxis lasse sich nicht mit Gottes Wort vereinbaren. Im Kirchenvolk sei diese Einschätzung weit verbreitet.“ (WAZ vom 28.11.2013, URL: http://waz.m.derwesten.de/dw/staedte/nachrichten-aus-siegen-kreuztal-netphen-hilchenbach-und-freudenberg/evangelische-kirche-streitet-sich-in-siegen-um-segnung-homosexueller-id8711156.html?service=mobile abgerufen am 13.12.2013)

„Die Möglichkeit der dauerhaften Veränderung der sexuellen Orientierung ist inzwischen wissenschaftlich mehrfach belegt worden. Ich selber habe Menschen kennengelernt, die homosexuell waren und inzwischen glückliche Familienväter geworden sind.“ (Christian Spaemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeut sowie Chefarzt der Klinik für Psychische Gesundheit am Krankenhaus St. Josef in Braunau/Österreich, URL: http://www.kath.net/news/20708/print/yes abgerufen am 13.12.2013)

Homophobie ist keine Phobie im Sinne einer psychischen Störung, wie sie der ICD-10 benennt. Homophobie ist ein soziologisch zu bestimmender Tatbestand, die Ablehnung von Homosexualität als von der heterosexuellen Mehrheit abweichende sexuelle Identität und die Ablehnung von Lesben und Schwulen allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser Minderheit. Die Soziologie nennt das auch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Es bezeichnet also einen bedeutsamen Unterschied, ob es sich bei den Zitaten oben – vielleicht mit Ausnahme des Katechismus der katholischen Kirche – um Beispiele von Ablehnung und Diskriminierung durch Einzelne handelt oder um die Ausprägung einer strukturellen Gewalt gegenüber Lesben und Schwulen, die anhand dieser Beispiele deutlich wird. Diese Frage ist für ratsuchende Lesben und Schwule mitunter entscheidend, was das Gelingen einer beraterischen Beziehung und des beraterischen Handelns betrifft, z. B. wenn sie sich beruflich oder privat im kirchlichen Umfeld bewegen. Wer diese Frage nun andersrum mit dem Vorwurf der „Kirchenphobie“ belegt, verkennt die gesellschaftlichen Strukturbedingungen, unter denen sich Hetero- und Homosexualität erst konstituieren ebenso, wie die Tatsache, dass die heterosexuelle Mehrheit ihre Macht an der Minderheit der Lesben und Schwulen über zwei Jahrhunderte lang bis zur Auslöschung exemplifiziert hat. Wer dieses Leid nicht benennen mag, hat nichts von der Verfolgungsgeschichte verstanden, die Lesben und Schwulen in ihre kollektive Geschichte eingeschrieben ist. Und diese Geschichte schreiben die Autor_innen der o.g. Zitate fort. Denn: In der Lebensberatung geht es um Menschen, die sich in einer Krise befinden, deren Psyche in Not geraten ist, eben weil sie als Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und Inter*Personen Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt erleben, die auch religiös motiviert ist und die auch im Raum der Kirchen Platz gesellschaftliche Wirklichkeit. Dies auch zu benennen, setzt mit Blick auf die Adressat_innen einen für die Beratung notwendigen Reflektionsprozess in Gang. Dies allzu leicht mit der Replik „Kirchenphobie“ abzutun, geht grundlegend fehl.

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