Noch bis zum 20. Januar 2013 zeigt das Essener Museum Folkwang die Ausstellung „Im Farbenrausch. Munch, Matisse und die Expressionisten.“ Ein Besuch.

Was ist passiert? Malerei ist ein Handwerk, Farben auf der Palette, ein Pinsel, die Leinwand. Malen ist mehr als Mimesis, Malen ist Interpretation, buchstäblich „Dazwischen-Treten“, weshalb auch so etwas wie objektives Sehen eine Illusion ist, wie das, was unser Auge auf der Leinwand sieht. Also, was sehen wir, wenn wir Jawlenkys „Mittelmeer bei Marseille“ aus dem Jahr 1906 – sehen? Wie lässt sich dieser „Übergang“ des Sehens beschreiben? Was war vorher, und was kam danach?

Farbe wird Material, sie transformiert sich, indem sie sich quasi vom Gegenstand abzieht, um selbst Gegenstand zu werden; sie verflüchtigt und verfestigt sich zugleich. Könnte das aber ein Muster sein, um den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert zu sehen, zu lesen, zu verstehen? Verflüchtigung und Verfestigung. Beides müsste einhergehen mit den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozessen der bürgerlichen Gesellschaft. Die Ausstellung trägt den Titel „Im Farbenrausch“, der im Kurzführer mit „The Ecstasy of Colours“ übersetzt wird: Ek-stasis also, das beide Pole bennennt, stasis (Still-Stand) und das Heraustreten aus ihm.

Ein Raum der Ausstellung ist mit „Erlebtes Arkadien“ („Experiencing Arcadia“) überschrieben: Die Begingungen der Möglichkeit, ein „Draußen“ zu erleben. Der Raum zeigt den nackten Körper in der Landschaft, genauer, er zeigt uns, wie vor 100 Jahren der nackte Körper in der Landschaft gezeigt wurde, dieses sich selbst Platzieren, in den Kontext stellen, der zurückgreift auf vorangegangene Motive aus Antike, Renaissance und Klassik (manchmal ganz faustisch, „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“). Heißt auch: Es gibt offenbar nicht nur gute Gründe dafür, den Menschen und seinen Körper genau so in die Landschaft zu stellen, sondern auch eine Notwendigkeit, die keiner so gut beschrieben hat wie Sigmund Freud, indem er ein topologisches Modell der Psyche -Über-Ich, Ich und Es- er- und gefunden hat, das nichts anderes ist, als eine geniale Analyse der sozio-kulturellen Bedingungen und Folgen des Bürgerlichen. Der nackte Körper in der Landschaft ist Ausdruck der doppelten ästethischen Erfahrung, dort draußen und hier drinnen, das Sublime, Erhabene, dessen Oberfläche die Tiefenstruktur des Triebs benennt und verstärkt – und zugleich in Zaum hält. Im Zaum halten muss, um sorgsam Produktion und Re-produktion zu trennen und diese Trennung aufrechterhalten, damit letztere erstere ermöglicht.

Die thematische Hängung, die für die Ausstellung gewählt wurde, tut dem Erkenntnisinteresse nicht immer gut. Es ergeben sich Zeitsprünge, die es erschweren, die großen Entwicklingslinien kenntlich zu machen. Es drängt vor allem im zweiten Teil der Ausstellung der Eindruck auf, dass es den Kuratoren/-innen bisweilen mehr ums „Namedropping“ ging, als um die Vermittlung des Forschungsauftrages, den diese Ausstellung durchaus haben könnte und hat: Was bedeutet die Revolution der Kunst für eine Gesellschaft – damals und heute? Wenn „Farbenrausch“ und Expressionismus die Stichworte zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren, was sind die Stichworte heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Was sagt Kunst über die Zukunft einer Gesellschaft aus? Wie stellt sich das Verhältnis zum Körper dar? Wie verändert sich die Rezeption unter dem Blickwinkel von Geschlecht? Auf diese Fragen und mehr allerdings werden die Besucher/-innen ihre eigenen Antworten finden müssen.

Foto:
cc – Cea.

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